Archäologie in der Schule

Katrin Gräfingholt, Archäologische Ausgrabung, Chile

Mythos Archäologie

Der Archäologie haftet immer noch ein besonderer Reiz und Abenteuerlust an. Von abenteuerlichen Grabräubern und großen Entdeckungen ist die Rede. Es sind vor allem die großen Abenteuer aus der Frühzeit der Archäologie, die das Interesse für diese Wissenschaft geweckt haben. Frühere Schatzsucher, waren Archäologen, die nicht immer nur Motive wissenschaftlicher Natur hatten. Heute ist die Archäologie in der Gesellschaft äußerst gefragt. Archäologische Museen und Sonderausstellungen boomen, genauso wie in den Medien. Daher sollte die Archäologie auch in der Schule auf dem Lehrplan stehen.

Die Menschwerdung und die große Zeitspanne der schriftlosen Stufen in der Menschheitsgeschichte findet in der Schule leider kaum Beachtung. Der Traum von Heinrich Schliemann und Troja findet hier wenig Anklang, denn zum Träumen ist in der Schule wenig Zeit. Das der Mensch über einen großen Zeitraum hinweg ohne Kenntnis der Schrift ausgekommen ist, wird zu wenig anerkannt.

Archäologie als Unterrichtsfach

Ur- und frühgeschichtliche Themen besitzen weder in der Lehrerausbildung noch im schulischen Alltag einen hohen Stellenwert. Das antike Griechenland und Rom kommen vor, aber die Steinzeit in Europa wird nur als wenig entwickelte Stufe der Menschheit kurz abgehandelt. Schulbücher beginnen mit dem Alten-Ägypten, als eine der frühen Hochkulturen der Welt (Bronzezeit am Nil). Diese Hochkultur wird verglichen mit der viel älteren Steinzeit in Deutschland. Die Metallzeiten als eigene Epoche tauchen in Schulbüchern mancher Bundesländer gar nicht auf. Aktuelle Fragen zur Rolle der Geschlechter sind bei Jägern und Sammlern noch nicht thematisiert.
Zumindest in zwei Punkten sind sich die Geschichtsbücher einig. Die ersten Menschen kamen aus Afrika und die Neolithische Revolution aus dem fruchtbaren Halbmond brachte den Ackerbau nach Europa .

Archäologie ist nicht nur etwas für den Sandkasten und den Kindergarten. Thematisiert werden sollte es daher auch in der Schule. In Bayern, Sachsen Anhalt oder der Schweiz steht Archäologie an einigen Schulen auf dem Lehrplan als Unterrichtsfach oder als AG. Schülerprojekte zur Archäologie finden statt und verhelfen zu umfassender kultureller Bildung. Aber es gibt keinen allgemeinen Lehrplan für alle 16 Bundesländer. Es herrscht somit ein großes Durcheinander in den Geschichtsbüchern.

Fächerübergreifendes Denken

Archäologie regt nicht nur zu neuen und kritischen Fragestellungen an, sondern ist auch fächerübergreifend anwendbar. Man kann Brücken schlagen zur Geschichte, Religion, Biologie oder Latein. Mit Hilfe der Archäologie kann man globale Dimensionen leicht verständlich erklären und soziale und wirtschaftliche Fortschritte im Leben der Menschheit nachvollziehen. Die Archäologie ist ein wichtiges Feld, dass das Interesse für Geschichte und Naturwissenschaften weckt. Museen sollten dabei auch als Ort des Lernens genutzt werden, genauso wie Kinderuniversitäten an den Hochschulen.

Allgemeinbildung, Geschichtsbewusstsein, lebensweltliche Orientierung und politisch-gesellschaftliche Toleranz sind hier die wesentlichen didaktisch und pädagogischen Kategorien. Dazu kommt die Begegnung mit Kunstwerken, anhand derer die Schüler ihre ästhetische Bildung vertiefen können.

Die Kinder und Jugendlichen erschließen sich im Fach Archäologie eine zeitlich tiefes Bewusstsein für historische Epochen, deren Ereignisse, Strukturen und Entwicklungen eben nicht ausschließlich oder weitgehend an die Schrift gebunden sind. Der Zeitrahmen von vielen Jahrtausenden unterschiedlichster Kulturen erweitert das Verständnis und die Wertschätzung des Anderen, des Fremden, insgesamt der Vielfalt. In der Begegnung und in der Auseinandersetzung mit dinglichen Dokumenten von Menschen vergangener Epochen, oft aus dem alltäglichen Leben, wird unsere Geschichte praktisch und greifbar.

Für die Erforschung von Epochen mit Schriftkultur bleibt das Verhältnis zum Fach Geschichte unverzichtbar, denn die Archäologie kann die Geschichtsforschung ergänzen, bestätigen oder korrigieren. Die wissenschaftliche Archäologie erforscht die Geschichte des Menschen von den Anfängen des homo sapiens bis in unsere Gegenwart. Sie gehört als eigenständiges Fach zu den historischen Wissenschaften, unterscheidet sich aber mit ihren Quellen zu den Nachbardisziplinen.

Die Archäologie befasst sich mit materiellen Dokumenten menschlichen Wirkens. Dagegen stehen in der Geschichte im engeren Sinne die schriftlichen Quellen weitgehend im Vordergrund. Die Geschichte des Menschen ist fast ausschließlich in Boden-, Bau- und Siedlungsdenkmälern überliefert. Je weniger schriftliche Dokumente verfügbar sind, desto wichtiger sind die Forschungsergebnisse der Archäologie.

Archäologie als Wissenschaft

Die Grabungsarchäologie beschäftigt sich mit dem Bergen, Sammeln und Ausstellen von Funden. Als moderne Wissenschaft hat die Archäologie ihr Spektrum erweitert und ihr Instrumentarium verfeinert. Ihre Ziele und Aufgaben reichen von der Prospektion über Bergung, Restaurierung, Dokumentation und Interpretation bis zur Präsentation von Funden und Befunden.
Dabei bedient sich der Archäologe naturwissenschaftlicher Methoden und der Technik, um möglichst viele wissenschaftliche Informationen zu gewinnen und zu bewahren. Das Spektrum umfasst die Naturwissenschaften, Statistik und Informatik, Anthropologie, Medizin, Geographie, Geologie und in der experimentellen Archäologie handwerkliche Arbeiten. Diese Vielfalt an geistes-, sozial- und naturwissenschaftlichen Zugriffen auf die Quellen macht die Archäologie zur universellen historischen Kultur­wissenschaft.

Denkmalschutz und Grabungen

Zu den Aufgaben der Archäologie gehören auch Denkmalschutz und Denkmalpflege. Der Archäologe als Wissenschaftler und als Denkmalpfleger befindet sich in einem Dilemma. Einerseits erfordert archäologische Forschung, vor allem die Grabung, aber auch die Restaurierung, die Zerstörung originaler Fundzusammenhänge. Diese Verluste können einmalige Funde und Dokumentationen nur teilweise ersetzen. Andererseits entstehen neue Erkenntnisse und wissenschaftlicher Fortschritt nicht ohne immer weitere archäologische Forschungen.

Das Fach Archäologie lebt von der Praxis, konkret von Exkursionen und Grabungsbesuchen. Der Unterricht im Klassenzimmer bereitet die Schüler darauf vor, sodass sie informiert und sensibilisiert in die Praxis gehen können. Bei Museumsbesuchen konkretisieren und vertiefen die Schüler im Unterricht erarbeitetes Wissen und reflektieren und urteilen die Präsentation archäologischer Funde und Befunde. Kontakte mit den Behörden der Denkmalpflege informieren über die fachliche und gesellschaftliche Bedeutung der Denkmalpflege und des Denkmalschutzes.

Höhepunkt des Unterrichtfaches Archäologie kann die aktive Teilnahme an einer wissenschaftlichen Lehrgrabung sein.

https://www.sueddeutsche.de/bayern/bildung-vom-alltag-in-die-antike-1.3577861

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